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Emergentes Christentum:* Eine Vision jenseits der Dualismen * Das englische Wort ‚to emerge’ (‚auftauchen’ – ‚entstehen’ – ‚ans Tageslicht kommen’ – ‚herauskommen’) ist in seiner Bedeutung vielfältig und die Festlegung auf eine Übersetzung würde dem Begriff der ‚emerging christianity’ kaum gerecht. Also nutze ich die Fremdworte ‚emergent’ und ‚Emergenz’, wie es auch die gleichnamige Bewegung in Deutschland tut. Im Blick auf unsere zweite Konferenz zum Thema „Emerging“ im April 2010, haben wir beschlossen, statt von der „emerging church“ (einer emergenten Kirche) nunmehr von einer „emerging christianity“ (einem emergenten Christentum) zu sprechen. Denn was sich gerade ereignet, ist weit mehr als die bloße Umgestaltung von Strukturen und Organisationen. Es handelt sich vielmehr um eine revolutionäre Veränderung des christlichen Bewusstseins. Es geht um eine Veränderung des Denkens und der Herzen, und was sich schon über eine längere Zeit angebahnt hat, erscheint uns jetzt als ein neues Werk des Heiligen Geistes. Nur eine solch tief gründende Veränderung des Bewusstseins – gegründet auf dem Einen Grund – wird in der Lage sein, etwas Dauerhaftes zu bewirken, oder Früchte zu bringen, die von Dauer sind. Denken wir daran: ein emergentes Christentum ist nicht dazu da, etwas in Gang zu bringen, sondern es versucht vielmehr, etwas, das bereits auf der ganzen Welt in Gang gekommen ist, zu benennen und zu bekräftigen. Wenn Sie diesen Artikel zu Ende lesen, dann könnte ich wetten, dass Sie bereits dazu gehören, jedenfalls auf gewisse Weise. Brian McLaren, der sich selbst zu einem der eindringlichsten Fürsprecher der Emergenz - Bewegung entwickelt hat, sagte unserem Team, dass unsere zweite Konferenz seiner Ansicht nach das Thema meines letztes Buches (The Naked Now: Learning to See as the Mystics See) aufgreifen müsste: also „das nicht-duale Denken“, oder „den kontemplativen Geist“. Wir sind uns bewusst, dass das Phänomen der Emergenz-Bewegung nur eine weitere der 30.000 Reformationen werden wird, die das Christentum in den letzten 500 Jahren geprägt haben, wenn wir uns weiterhin mit unseren alten Mustern des dualistischen Denkens zufrieden geben. Denn dann wird es mit Sicherheit ganz schnell wieder Unterteilungen geben: in Liberale und Konservative, in Katholiken und Protestanten, intellektuell oder gefühlsbetont, homo oder hetero, mit liturgischer Prägung oder pfingstlerisch, feministisch oder patriarchal, handlungsorientiert oder kontemplativ – und viele weitere Dualismen dazu – statt der wunderbaren Ganzheit, die Jesus verkündigt: Eine zutiefst kontemplative Art und Weise, an unserer leidenden Welt Anteil zu nehmen und zu handeln. Ein Emergentes Christentum sehnt sich und strebt gleichzeitig nach einer Nachfolge Jesu, die viel mehr mit dem Lebensstil im Alltag zu tun hat als mit dem Glauben an bestimmte Dinge. Wir wollen uns nicht zu einer Institution verfestigen, die sich auf Worte und Dokumente gründet, sondern wollen – soweit als möglich – in dem kritischen Stadium einer Bewegung und eines Lebensstils bleiben, in dem diese vitale Energie vorhanden ist. Lebensstil und Beziehungen sind immer nicht-dual und organisch. Es sind die Worte, die dualistisch sind, und uns glauben machen, dass unsere Wirklichkeit an sich zerteilt und künstlich ist. Wir sind dankbar und zufrieden, dass die historisch gewachsenen Kirchen und Konfessionen sich um das Fundament und den Überbau des Christentums bemühen. Sie haben uns gut ausgebildet, uns Grundlagen vermittelt und uns nun zu diesem Einsatz ins Unbekannte ausgesandt. Wir werden mit einem Fuß fröhlich in unseren Mutterkirchen bleiben, aber wir haben noch etwas anderes zu tun und neue Orte vor uns, wo wir unseren anderen Fuß fröhlich aufsetzen wollen. Wir haben gar nicht die Zeit dazu, vor irgendetwas weg zu laufen. Wir wollen auf etwas zu gehen: Seite an Seite. Ein Christentum, das den ganzen Lebensstil umfasst, ist viel zu lange vermieden und abgelehnt, klein gemacht und ignoriert, aufgeschoben und an den Rand gedrängt worden, und zwar von all zu vielen Christen, denen keiner gesagt hat, dass Christsein mehr ist als die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einem Glaubenssystem. Mittlerweile wissen wir, dass es keine explizit methodistische oder katholische Form von Liebe gibt. Es gibt keine orthodoxe oder presbyterianische Art, ein einfaches, gewaltfreies Leben zu führen. Es gibt keine lutherische oder evangelikale Art der Barmherzigkeit. Es gibt keine Form von baptistischer oder episkopalischer Gefangenenseelsorge. Wenn es die bei uns dennoch gibt, dann legen wir damit unweigerlich den Wert auf die Randerscheinungen, was uns wiederum davon abhält, ins „Mark der Guten Nachricht“ vorzudringen, wie es der Heilige Franziskus ausgedrückt hat. Diesen Fehler machen wir schon viel zu lange, und können nun wirklich nicht länger dem ausweichen, was Jesus tatsächlich betont und geboten hat. In diesen äußerst dringlichen Zeiten, „ist es eben diese Liebe Christi, die uns jetzt treibt“ (2. Kor. 5, 14).
Vor kurzem habe ich ein hervorragendes Buch des Quäkerpastors Philip Gulley rezensiert, das den Titel trägt: If the Church were Christian (Wenn die Kirche christlich wäre). Seine Kapitel fassen so treffend zusammen, in welche Richtung wir weiter müssen, dass ich mir die Freiheit nehme, sie hier mit meinen eigenen Worten wiederzugeben, als eine wirklich exzellente Beschreibung des Emergenten Christentums:
1. Jesus ist viel mehr ein Modell für echtes Leben, als ein Objekt der Anbetung. 2. Es ist wichtiger, das Potential jedes Menschen zu fördern als ihn immerzu mit seiner Gebrochenheit zu konfrontieren. 3. Versöhnungsarbeit sollte höher geachtet werden als das Richten übereinander. 4. Barmherziger Umgang miteinander ist wichtiger als Rechtgläubigkeit. 5. Es ist wichtiger, die Menschen zum Fragen einzuladen, als ihnen Antworten zu bieten. 6. Es ist wichtiger, Menschen in ihrer persönlichen Suche zu ermutigen, als eine einheitliche Gruppe zu bilden. 7. Es ist wichtiger, auf aktuelle Bedürfnisse und Notwendigkeiten einzugehen, als die Institutionen zu erhalten. 8. Friedenstiften ist wichtiger als Machtgewinn. 9. Wir sollten uns mehr um die Liebe kümmern und weniger um Sexualmoral. 10. Das Leben in dieser Welt ist wichtiger als das Leben danach (denn das kommt von ganz allein, und wir würden erkennen, dass die Ewigkeit ohnehin Gottes Sache ist und somit etwas, worüber wir letztlich nichts wissen). Wenn das für Sie einen Sinn ergibt, dann befinden Sie sich bereits mitten im Emergenten Christentum.
Übersetzung aus dem Englischen: Heidi Lang
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