Zurück zur Übersicht

DIE AUFGABE INNERHALB DER AUFGABEN

Eine Spiritualität der Arbeit und des Nicht-Arbeitens

In der Arbeit geht es um Selbstbehauptung, Identität, Kreativität, praktische Veranlagung und um die Nützlichkeit. Diese fünf Aspekte in Balance zu halten, ist das Geheimnis. Wenn einer davon die Oberhand gewinnt, dann macht dich deine Arbeit am Ende fertig, aber wenn irgendein Aspekt völlig verleugnet oder abgelehnt wird, dann wird man genauso an den Folgen leiden.

 

1.                  Selbstbehauptung – Das Bedürfnis, Energie aufzuwenden.

2.                  Identität – Das Bedürfnis, mich selbst zu finden, indem ich mich verausgabe.

3.                  Kreativität – Das Bedürfnis, meine Kraft für mich selbst, andere oder beides einzusetzen.

4.                  Praktische Veranlagung – Das Bedürfnis, Ziele zu erreichen und Dinge zu Ende zu bringen.

5.                  Nützlichkeit – Das Bedürfnis, zu dienen und anderen zu helfen.

 

Zunächst sollen diese fünf Aspekte deutlich machen, dass praktische Arbeit aus vielen Gründen gut und notwendig ist. Bei Weitem nicht nur, um meine Rechnungen zu bezahlen. Ohne Arbeit haben Menschen keine Möglichkeit sich selbst zu finden, sich selbst hinzugeben, ihre Lebensziele zu erreichen oder sich in der Gesellschaft einzubinden. Wenn wir nun von unserem Wesen her auf Beziehung angelegt sind, ein Abbild der Trinität im Grunde, dann geht es bei der Arbeit vor allem anderen um Beziehung – mit mir selbst, mit anderen, mit dieser Welt. Mein Vater fährt fort mit seinem Werk, also auch ich“, sagt Jesus (Joh. 5, 19).

Und das sagt er, um das „Arbeiten“ oder Heilen eines Kranken am Sabbat zu verteidigen! Die Religion sollte nicht dazu benutzt werden, spirituelles Handeln oder Dienst zu vermeiden.

 

Das Leben in einer absoluten Freizeitgesellschaft, ohne jegliche Arbeit, würde unweigerlich zu einer narzisstischen und drohnenartigen Existenz führen, wo der Einzelne kaum Selbsterkenntnis besäße und eine tiefere Verbindung zu anderen äußerst selten wäre. Der Einzelne hätte keinen Zugang zu bedeutsamen Beziehungen, die von Dienst, Kameradschaft, Ausdrucksfähigkeit und Leiterschaft leben. Auch von Mönchen wurde zu ihrer eigenen Bewusstwerdung körperliche Arbeit erwartet, sowohl im Christentum als auch im Buddhismus.

 

Und doch möchte ich hinzufügen, dass die eigentliche Fruchtbarkeit von Arbeit dort zu finden ist, wo man das genaue Gegenteil sucht und lebt – nämlich in der Unterbrechung der Arbeit – oder der Sabbatruhe. Wenn es dieses ungefähre Siebtel im Leben nicht gibt, an dem die Arbeit ruht, das Raum schafft und durch Absätze und Einschübe meine ganzen Bemühungen strukturiert, wird Arbeit unweigerlich zwanghaft, macht süchtig, man ist getrieben, unbewusst und damit letztlich überhaupt nicht mehr hilfreich für das Selbst und die Menschen um uns. Wir müssen also auch nicht arbeiten. (Was natürlich voraus setzt, dass ich erstmal arbeite!)

 

Das herkömmliche Wort für solche eine Unterbrechung der Arbeit ist Freizeit / Ferienzeit. Der engl. Ausdruck „Vacation“ hat die gleiche Wurzel wie „Vacuum“ (lat. „leer“). Leider sind die meisten von uns derart heiß darauf, etwas zu produzieren oder durchzuführen, dass wir fast vergessen haben, wie das gehen soll: einfach leer, untätig, ziellos und offen zu sein. Das wiederum bedeutet schlichtweg, dass wir nicht mehr wissen, was Beten heißt! Die meisten Ferien gleichen deshalb eher Ablenkungsmanövern als echten Ferien. Man füllt sie mit noch mehr Erlebnissen an, statt einmal das Erleben zu unterbrechen um das, was ich bereits erlebt habe, zu schmecken, genießen, erleiden und zu verarbeiten. Wenn man nun immer mehr unverarbeitete Erfahrungen ansammelt, führt das normalerweise zu einem gewissen Grad von Unbewusstheit oder einem Leben mit Tempomat. Eine Spiritualität der Arbeit muss durch eine Spiritualität der Sabbatruhe im Gleichgewicht gehalten werden.

 

Ich muss also meine Energie für mich selbst und für andere ausdrücken, aufwenden, einsetzen und zur Verfügung stellen. Nutze ich die Energie nur für mich selbst, führt das zur Verstopfung. Und wenn ihr mir erlaubt, diese Metaphern aus der Fäkalsprache zu verwenden: das Gegenteil wäre dann Durchfall. Wenn meine ganze Kraft durch mich hindurchrauscht ohne Intention, Fokus und inneren Frieden, bleibt meine Arbeit genauso fruchtlos und wird zudem noch weggespült! Dann fragen wir uns am Ende unseres Lebens, wie so viele Menschen es tun: „Und was sollte das alles?“ Das geschieht, wenn meine Arbeit allein dazu da ist, das Überleben zu sichern und anstehende Probleme zu lösen und nicht der Weg, meinem tieferen Selbst Ausdruck zu verleihen und mich für andere einzusetzen. Meine Jobs waren nie Berufungen. Das ist wohl leider die Wahrheit für sehr viele Menschen – was sehr traurig ist, denn viele Menschen auf dieser Erde haben aufgrund von Armut gar keine Wahl. Vielleicht ist das sogar das größte Übel an hoffnungsloser Armut.

 

 

Am Beispiel des Propheten Jona möchte ich zeigen, wie Gott versucht, ein Leben, in dem Arbeit und Karriere gleichgesetzt sind, so zu verändern, dass die Arbeit zur Berufung wird. Man könnte sagen, dass Jona schließlich, wenn auch widerwillig, alle Aspekte von Job und Arbeit durchprobiert – allerdings erst nachdem er von seinen Freunden ins Wasser geworfen, von einem Wal verschluckt und genau an der Küste ausgespuckt worden war, die er hatte vermeiden wollen. Ich denke, dass solche Proben unweigerlich der Preis für eine solche Integration sind. Bei keinem von uns gibt es da zu Beginn ein Gleichgewicht unter allen fünf Aspekten; wir können nur hoffen, dass wir uns allmählich in diese Richtung bewegen. Das ist das eindeutige Ziel. Jona kann am Ende gar eine Sabbatruhe unter einem Rizinusstrauch genießen (4, 3ff) und wird zornig, als ihm der genommen wird.

 

Kurz gesagt: Jona beginnt seine Reise nach Ninive mit einer eher ich-bezogenen Perspektive, wobei schon die Möglichkeit des eigenen Versagens gepaart mit dem Erfolg anderer dazu führen, dass er „nach Tarsis flieht“ (1, 3), wie es die ersten Verse des Buches beschreiben. Bei ihm dreht sich alles um Selbstbehauptung, Durchführbarkeit und den Schutz der eigenen Identität; für Kreativität (die immer eine spirituelle Sichtweise ist) oder den Nutzen für andere hat er hingegen keine Wahrnehmung. In Wirklichkeit kümmert ihn das Los der Niniviten überhaupt nicht; ja er bedauert sogar deren Verwandlung (4, 1). Für ihn geht es darum, seinen Job erfolgreich hinter sich zu bringen, Arbeit als einen spirituellen Ausdruck seines Wahren Selbst ist keine Kategorie. Er hat also noch nicht sein echtes Selbst gefunden, und man kann vielleicht sagen, das dies das eigentliche Ziel jeglicher Arbeit, jedes Jobs und jeder Betätigung ist – unser echtes/ganzes Selbst zu finden, und dann dieses ganze Selbst hinzugeben. Aus dem biblischen Text geht nicht hervor, ob der arme Jona je dahin gelangt.

 

Der Held der Geschichte ist natürlich allein Jahwe. Jona erkennt Ihn als einen „zärtlichen und barmherzigen Gott, langmütig und reich an Gnade, der von der Strafe absieht“ (4, 2). Jona bleibt in diesem Stadium und ist damit eine Art Anti-Held, aber immerhin nennen wir ihn „Prophet“; er wird, wie wir alle, widerstrebend zu seiner wahren Berufung geführt („die Aufgabe IN der Aufgabe“): er hat zu kämpfen mit seinem Job, seiner Arbeit, seiner Betätigung. Und genau in diesem Kampf findet die Bewegung hin zu einer Integration aller fünf Aspekte von Arbeit statt – ob man sie je vollkommen erreicht, ist nicht entscheidend.

 

Mach dir einfach klar, dass alle Aufgaben schon da sind, dass alle nötig sind, dass alle in Gott und in deinem tiefsten DU-Sein zu finden sind – und dann wirst du nicht allzu viel Zeit auf der Flucht nach Tarsis, in Mäulern von nutzlosen Walen oder beim Schutz kleiner Rizinussträucher vergeuden. Dann hast du innerhalb aller anderen Aufgaben die eigentliche Aufgabe erreicht.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Heidi Lang

Vielen Dank, Heidi!