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Im folgenden Artikel bezieht sich R. Rohr
auf eine Idee über Entstehung, Entwicklung und Ordnung des Universums,
die schon bei Platon vorhanden war. Unter der Bezeichnung "The Great
Chain of Being / Die große Kette der Wesen" hat sie die westlichen
Wissenschaften und Philosophie über weite Strecken entscheidend geprägt.
Die
große Kette der Wesen
Franziskus hat alle Geschöpfe, auch die kleinsten, als seine
Brüder und Schwestern bezeichnet; denn er war überzeugt, dass sie
denselben Ursprung haben wie er selbst.
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St.
Bonaventura: Das Leben des Franziskus
Mit dieser Vorstellung wollten die Theologen der Scholastik
verdeutlichen, dass diese Welt eine innere Verbindung hat und alles
untereinander zusammen hängt. (zitiert
aus: The Great Chain of Being,
Arthur Lovejoy, (Cambridge: Harvard University Press, 1936)). Zu
den wesentlichen und unzerstörbaren Gliedern dieser Kette gehören der
Schöpfergott, die Engel im Himmel, die Menschheit, die Tierwelt, die Welt
der Pflanzen und der Vegetation, die Gewässer dieser Erde und schließlich
der Planet Erde selbst mit all seinen Gesteinsformen. Durch ihr Dasein und
durch die Verbindung untereinander, geben sie Zeugnis für die
Herrlichkeit Gottes (Psalm 104) und die Würde, die allen Dingen
innewohnt. Diese Vorstellung bildete die Grundlage dafür, alle Dinge
„heilig“ zu nennen.
Was man nun heutzutage Schöpfungsspiritualität
nennt, Tiefenökologie oder auch ganzheitliches Evangelium, hat schon viel
früher seinen Ausdruck gefunden: Zum Beispiel in der Spiritualität der
alten Kelten, bei den Mystikern im Rheinland und auf ganz besondere Weise
bei Franz von Assisi (1182 – 1226). Frauen wie z.B. Hildegard von Bingen
(1098 – 1179) haben das durch ihre Musik, Kunst, Poesie und
gemeinschaftliches Leben weitergegeben; Gelehrte wie der Hl. Bonaventura
(1221 – 1274) entwickelten eine komplette Summa
Theologica aus den spirituellen Erkenntnissen des Hl. Franziskus:
„Auf unserer Seelenreise zu Gott muß uns
die gesamte materielle Welt
zu einem ersten Spiegel werden, durch den wir hindurch müssen, um zum Höchsten
zu gelangen. (Artisan)“ (The
Soul’s Journey to God, 1, 9 (Hervorhebungen nachträglich hinzugefügt)).
Der Dominikaner Meister Eckart (1260 – 1327) sagt das gleiche: „Hätte
die Menschheit Gott auch ohne die Welt erkennen können, Gott hätte die
Welt niemals erschaffen.“
Die „katholischen Synthese“ des frühen Mittelalters wollte genau das
sein: die Zusammenschau einer in sich zusammenhängenden Welt für uns,
eine positive Vision des Geistes, die sich weder durch ein
„Gegeneinander“ noch durch Feindschaft definiert, sondern durch die
„Klarheit und Schönheit der Gestalt“. Es war im wahrsten Sinne das
„kosmische Ei“, die Vision eines Schöpfers und einer Vielzahl von
Kreaturen, die nichts ausschließen musste. Die Große Kette der Wesen war
damit die erste holistische Metapher für diese neue Sichtweise, wie wir
sie aus der Inkarnation kennen: Jesus als die lebende Ikone der
Integration, „das Zusammentreffen der Gegensätze“, der „alle Dinge
in sich vereint“ (Kol 1, 15, 20). Gott ist der Eine. Ich bin ganz und
heil und das gilt auch für alles andere.
Leider ist diese katholische Synthese nur selten über die philosophischen
Schriften und Gebete der Mystiker hinausgekommen. Wir, die übrigen
Katholiken, haben lieber an einer fragmentarischen, dualistischen
Weltsicht festgehalten, wobei wir hauptsächlich damit beschäftigt waren,
nach den verunreinigenden Elementen oder unwürdigen Mitgliedern zu
fahnden, um sie dann zu bestrafen oder zu vertreiben. Ja, wir haben es
tatsächlich geschafft, einerseits den „kosmischen Sündenbock“ -
Jesus – anzubeten und gleichzeitig die anderen Glieder der großen Kette
der Wesen zu Sündenböcken zu machen. Wir haben uns von jeher dagegen
gesträubt, das Göttliche Antlitz in denen zu sehen, die wir für
minderwertig und unwürdig halten: Sünder, Häretiker, Tiere, alles, was
auf der Erde wächst und die Erde selbst. Als aber die große Kette der
Wesen unterbrochen war, konnten wir das Göttliche Antlitz auch in unserer
eigenen Art nicht mehr erkennen, außer bei denen, die uns ähnlich waren.
Wenig später schließlich haben die Aufklärung und der moderne Säkularismus
zur Leugnung der gesamten himmlische Sphäre geführt – eine
Entwicklung, wie sie außer bei uns im Westen in keiner anderen Kultur zu
finden ist – und am Ende stellten wir sogar die Göttlichkeit selbst in
Frage!
Die Menschen des Mittelalters hatten es bereits angekündigt: Wird die
Kette unterbrochen und auch nur ein Glied entwürdigt, bricht die ganze
Vision in sich zusammen. Entweder erkennen wir also an, dass Gott in allen
Dingen gegenwärtig ist oder wir verlieren jegliche Basis dafür, Gott überhaupt
irgendwo zu sehen. Wenn aber die Entscheidung darüber unsere statt Gottes
Sache ist, dann geht es nur noch um persönliche Vorlieben und Vorurteile.
Das kosmische Ei ist zerstört.
Der Hl. Bonaventura, der auch der zweite Gründer des Franziskanerordens
genannt wird, hat aus dem, was Franziskus auf geniale Weise intuitiv ausdrückte,
eine umfassende Philosophie entwickelt. „Die Größe aller Dinge
bekundet ganz offenbar die Weisheit und Güte des dreieinigen Gottes, der
durch seine Kraft, Gegenwart und sein Wesen uneingeschränkt in allen
Dingen existiert.“ (The Soul’s
Journey to God, 1, 14)
„Gott ist präsent in allen Dingen, aber nicht darin
eingeschlossen; er ist außerhalb aller Dinge, aber nicht ausgeschlossen;
er ist über allen Dingen, aber ihnen nicht enthoben; er ist unter allen
Dingen, aber nicht darunter erniedrigt.“ (V 8). Bonaventura war der
erste, der von Gott gesagt hat: „Sein Zentrum ist überall und seine
Umgrenzung nirgendwo.“ Folglich sehen wir
gerade in Ursprung, Größe, Zahl, Schönheit, Fülle, Lebendigkeit
und der Ordnung alles Geschaffenen die „Fußspuren“ und „Fingerabdrücke“
(vestigia) Gottes.
Jeder aber, den solch eine Pracht
des Geschaffenen nicht erleuchtet, ist blind; und wen solche Aufschreie
nicht aufschrecken, ist taub; und wer Gott nicht für all seine Taten
preist, muss die Sprache verloren haben; und wer angesichts solch
eindeutiger Zeichen das zugrunde liegende Prinzip nicht erkennt, der ist
ein Dummkopf.
Deshalb: Öffne deine Augen, wecke die Ohren deines Geistes, öffne
deinen Mund und lass dein Herz wirken! Denn nur so kannst du in allem, das
geschaffen ist, Gott sehen und hören, ihn preisen, lieben, anbeten und
ihm die Ehre geben. Andernfalls wird sich die ganze Welt gegen dich
erheben. (1, 15).
Man kann sich nur schwer vorstellen, wie die
letzten 800 Jahre verlaufen wären, wenn diese wahrhaft katholische Vision
mehr Christen geprägt hätte. Aber nun ist eingetroffen, was Bonaventura
befürchtet hat: „Die ganze Welt hat sich nun (im Gericht) gegen uns
erhoben.“ Unsere Sichtweise war sehr einseitig und meistens von
Vorurteilen besetzt, oder es war überhaupt keine Sichtweise vorhanden.
Der individuelle Mensch hat immer selbst entschieden und unterschieden ob
und inwieweit er Gottes Ebenbild ehren würde. Die Verlierer dabei waren Sünder,
Häretiker, Hexen, Muslime, Juden, Indianer, die Spiritualität der
Ureinwohner, Büffel und Elefanten, das Land und das Wasser. Und wir wagen
es noch, uns Monotheisten (nach „dem einen Gott“, der sein Volk zu der
einen Welt hin bewegen will) oder auch „Christus gleich“ zu nennen
(also die Vereinigung des Menschlichen und Göttlichen in einer Person).
Es sieht ganz so aus, als hätten wir schon immer eine „Pro-Choice-Bewegung“
gehabt, nicht erst seit der Debatte um Abtreibung.
Bevor wir nicht über diese Sünden weinen und bevor wir nicht öffentlich
unsere Mittäterschaft bei der Zerstörung von Gottes Schöpfung zugeben,
bleiben wir zur Blindheit verdammt. Oder eher noch werden wir nach
„akzeptablen“ Sündenböcken Ausschau halten. Wir meinen immer, das
Problem liege irgendwo da draußen,
während das Evangelium ausdrücklich betont, dass Umkehr immer mich
betrifft. Wenn es um die Seele geht, ist
nie der andere das Problem. Du bist das Problem. „Kehret um und
lebt“ so sagt die biblische Tradition (Deuteronomium 31, 20; Markus 1,
15).
Jesus hat verzweifelt versucht, unsere Verbindung zu und unser Leben in
dieser großen Kette der Wesen aufrecht
zu erhalten, indem er uns die Macht genommen hat, Feinde und Außenseiter
zu Sündenböcken und Ziel unserer Projektionen zu machen. Wir sollen
diese Kette nicht länger dadurch zerstören, indem wir den Anderen
hassen, eliminieren oder vertreiben. Er hat uns geboten, den Feind zu
lieben und gab sich uns selbst als das kosmische Opfer, damit wir endlich
begreifen würden – und damit aufhören, andere zu Opfern zu machen.
Aber unsere Verwandlung in Christus geht nur langsam voran.
Unsere Neigung, die Kette zu durchbrechen, indem wir entscheiden, wer gut
und wer böse ist, scheint ein grundlegender Kontrollmechanismus zu sein,
der in uns allen wirkt. Eigentlich sind wir sogar etwas besorgt wegen
dieses Gottes, an den Jesus glaubt: „Der seine Sonne aufgehen lässt über
Böse wie auch Gute, der den Regen fallen lässt gleichermaßen über
Gerechte und Ungerechte“ (Matthäus 5, 45). Wenn wir die vermeintlich
minderwertigen oder unwürdigen Geschöpfe entehren, dann zerstören wir
letztlich auch uns selbst. Wenn wir nicht mehr wirklich hinschauen, dann
sehen wir bald gar nicht mehr. Wie sonst nirgendwo geht es bei einer
spirituellen Verwandlung um alles oder nichts. Das ist wie mit Jesu‘
Gewand, „das in einem Stück gewebt war“. Erst trug er es, dann gab er
es an uns weiter.
Der Apostel Paulus hat für Jesus das geleistet, was der Hl. Bonaventura für
Franziskus getan hat. Er hat aus
dem Leben, das Jesus geführt hat, eine Theologie / Philosophie
entwickelt. In seinem meistzitierten Gleichnis vom Leib ist das nahtlose
Gewand noch unversehrt vorhanden: Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied
geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit....vielmehr sind die Glieder
des Leibes, die uns als die schwächsten erscheinen, die nötigsten; und
die uns am wenigsten ehrbar erscheinen, die umkleiden wir mit besonderer
Ehre (1. Kor. 12, 26 + 22).
Paulus, der einst als Massenmörder Saulus von sich reden
machte, kannte die Macht der Religion nur zu gut, wie sie Hass und Gewalt
gegen andere Menschen und gegen andere Glieder der Seinskette
hervorbringen kann. In seiner Lehre ist deshalb kein Raum für die
Tendenz, andere zu Sündenböcken zu machen: „Da ist ein Gott und Schöpfer
aller Dinge, der über allem ist, in allem wirkt und in allem vorhanden
ist. (Epheser 4, 6).
Für die, die vom Evangelium
durchdrungen sind, kann es nur eine Welt geben – Gottes Welt - und darin
ist alles übernatürlich! Wir brauchen diese Welt nicht länger in göttliche
und weltliche Bereiche zu unterteilen. Dass der Vorhang im Tempel nach
Jesu Tod von oben bis unten zerrissen ist, hat eine kosmische symbolische
Bedeutung (Matthäus 27,51). In dieser einen von Christus befreiten Welt,
ist uns alles Unterteilen und Unterscheiden untersagt – und offen
gesagt: das behagt uns nicht. Aus irgendeinem Grund wollen wir das
Entscheidungsrecht darüber behalten, wo wir Gott finden, wen wir zu ehren
haben und wen wir hassen dürfen. Eigentlich ein ganz guter Deckmantel,
denn so kann ich autonom und gewalttätig bleiben und mich dabei doch für
heilig halten. Aber, so erinnert uns Jesus, jede Rebe, die vom Weinstock
abgeschnitten wird, ist nutzlos (Johannes 15,5). Entweder gehen wir zu
Gott in dieser Verbindung, oder
wir gehen überhaupt nicht, wie es scheint. Es ist so einfach, dieses
schmerzhafte, sakramentale Mysterium zu verdrängen: „Höre Israel, der
Herr, dein Gott ist Einer“ (Deuteronomium 6,4). Der jüdische
Monotheismus wurde zur Basis für eine zusammenhängende, kosmische Welt,
in der es eine Wahrheit gibt, und in der kein Raum ist für Rivalität
zwischen Kunst , Wissenschaft und Religion. Wenn etwas wahr ist, ist es
wahr, egal aus welcher Quelle es kommt. Und genau solche Wahrheit wird uns
frei machen (Johannes 8, 32).
Ken Wilber klingt in seiner großartigen zeitgenössischen Synthese, A
Brief History of Everything, wie ein Thomas von Aquin oder ein
Bonaventura des Postmodernismus. Er kommt zu dem Schluss: „Alles ist ein
Holon.“ – also etwas das einerseits in sich selbst völlig heil und
ganz und zugleich Teil eines größeren Ganzen ist. Er zeigt in ausführlicher
Weise (s. Sex, Ecology, Spirituality,
Shambala, 1995) auf, dass in den Welten der Physik, der Biologie, der
Psyche und der Spiritualität alles ein „Holon“ ist. Es ist tatsächlich
ein Universum, in dem alles sinnhaft verbunden ist. Und im Bezug auf die
Arroganz des Modernismus und den Zynismus der Postmoderne fügt Wilber
schlicht hinzu: „Es gibt kein privilegiertes Zeitalter.
Morgen sind wir alle dran.“ Er erinnert uns daran, und bestätigt
damit die ursprünglich katholische Tradition, dass sogar unsere kurze
Lebenszeit ein Holon ist, ein kleines Kettenglied, das zu etwas Größeren
gehört. Ein „großer Katholik“ – einer, der die ganze Tradition
umfassen kann – würde das den „kosmischen Christus“ nennen, für
den es weder eine Institution, noch einen Zeitpunkt, noch irgendeine
angemessene Ausdrucksform gibt. Als am Ende von Virgils Aeneis Aeneas das
brennende Troja verläßt, trägt er seinen Vater auf den Schultern, hält
seinen Sohn an der einen Hand und umklammert mit der anderen seine Götter(statuen).
So tragen wir alle, wenn wir in die Zukunft
aufbrechen, die Vergangenheit mit uns, und halten dabei das Künftige
und unseren Gott in den Händen – oder es wird überhaupt keinen
Aufbruch in die Zukunft geben.
Die, die regelmäßig durch die Mikroskope und Teleskope schauen, sind völlig
ergriffen von dem Geheimnis eines grenzenlosen kreativen Spektrums. Die
Kette des Wesen ist noch viel länger als wir Kirchenleute es uns
vorgestellt haben – wir sollten besser vor dem Mikroskop und dem
Teleskop die Schuhe ausziehen und dazu bereit werden, aus einer Leere des
Nicht-Wissens heraus zu leben. Vielleicht fangen wir ja gerade damit an:
Wir stellen uns vor, wie groß die „Gemeinschaft der Heiligen“ sein könnte
und fragen uns, ob wir darab wirklich glauben wollen.
Richard Rohr ist Franziskanerpater und lebt in der Provinz
New Mexico. Er ist der Gründer des Center for Action and Contemplation in
Albuquerque, NM. Abdruck aus Radical Grace, Band 10, Nr. 5, Okt.-Nov.
1997.
Übersetzung
aus dem Englischen: Heidi Lang
Anmerkung:
Die Studie "The Great Chain of Being" von A. Lovejoy ist 1993 im
Suhrkamp-Verlag auf Deutsch unter dem Titel "Die Große Kette der
Wesen" erschienen.
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