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Christ und „grün“ – passt das denn zusammen?

 

Von Richard Rohr, OFM

 

Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.

Römer 8, 21

 

Es ist schon eigenartig, dass Christen zwar schon zweitausend Jahre lang   glauben, dass das Ewige Wort Gestalt angenommen und unter uns gelebt hat (Joh. 1,14) wir aber bis heute meinen, wir müssten unsere Liebe für die materielle Welt rechtfertigen und erklären! Dennoch tun wir’s. Unser Universum hätte infolge der Inkarnation Gottes in Christus eigentlich umgebaut werden müssen. Der Himmel wäre dann nicht mehr der Ort „dort oben“ während wir „hier unten“ sind. Von da an hätten wir eigentlich erkennen müssen, dass wir schon „im“ Himmel sind! Denn das ist wohl der wesentliche Punkt wenn es darum geht, „Erlösung“ zu empfangen.

 

Dennoch leben die meisten Christen bis zum heutigen Tag innerhalb einer weitgehend heidnischen Kosmologie (und das meine ich ganz ernst). Das gibt uns auch einen aufschlussreichen Einblick in die frühe Entwicklung und derzeitige Unreife eines Großteils der organisierten Christenheit. Man sollte doch denken, dass – wenn es überhaupt eine Religion gibt, die wirklich das Stoffliche, das Physische, Körperliche und Sexuelle wertschätzt, eine Religion, die Geschichte und Aufbau des Lebens und damit die Bewahrung von Tierwelt, Wasser und Erde ganz ernst nimmt – dass dies die christliche Religion sein müsste. Aber dem ist nicht so. Um ehrlich zu sein macht es so mancher Wissenschaftler und Gelehrte letztlich viel besser.

 

Es gibt tatsächlich Bischöfe, Priester und Laien, die der Ansicht sind, dass die Sorge um diese Erde heidnisch ist, New Age, trendig oder unnötig, also eher eine Art von Ablenkungsmanöver vom eigentlichen Ziel, nämlich der Erlösung, die exklusiv dem Menschen gilt. Aus deren Sicht geht es um einen „Evakuierungsplan“, der den Menschen in die kommende Welt bringen soll. Wir haben uns tatsächlich wenig kaum gekümmert, eine „Neue Erde“ zu schaffen, die uns die Bibel auf den letzten Zeilen verspricht (Offenbarung 21,1) oder die Schöpfung zu bewahren, die die Bibel ganz zu Beginn als „sehr gut“ bezeichnet (Genesis 1,31). Gott betrachtete sie als gut an sich; wir nicht – warum auch immer.

 

Für viele Gläubige bedeutet „grün“ nicht nur nicht christlich, sondern weltlich, dumm, unnütz und eine echte Konkurrenz zum Evangelium. Ihr Glaube bezieht sich zudem ausschließlich auf die kommende Welt, nie auf die diesseitige. Sie leben in einem gespaltenen Universum und glauben aus irgendwelchen narzisstischen Gründen, dass sich Gott von allen Geschöpfen allein um sie kümmert. Warum sollte das so sein? Kein Wunder, dass die Erlösung, die wir den Menschen angeboten haben, so klein und bedeutungslos daherkommt, und dass sie da, wo es um die Transformation von Menschen und Gemeinschaften geht kaum an der Oberfläche kratzt. Kein Wunder, dass wir bis vor kurzem während der meisten gesellschaftlichen Revolutionen auf der entsprechend falschen Seite gestanden haben .

 

Bereits die jüdischen Schriften waren ganzheitlicher und umfassender als das, was die vermeintlichen Anhänger der Inkarnation vertraten. Hören wir doch mal auf die drei jungen Männer im Feuerofen, auf ihren Lobgesang, den wir Franziskanerbrüder jeden Sonntag und an jedem bedeutenden Festtag angestimmt, aber anscheinend nie wirklich verstanden haben. Es folgt ein kleiner Auszug aus dieser freudvollen Bejahung aller Schöpfungskraft, die uns die Erlösung zeigen will:

 

Die Erde preise den Herrn, sie lobe und rühme ihn in Ewigkeit.

Preist den Herrn, ihr Berge und Hügel, lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

Preist den Herrn, all ihr Gewächse auf Erden, lobt und rühmt ihn in Ewigkeit.

Preist den Herrn, ihr Quellen, lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

Preist den Herrn, ihr Meere und Flüsse, lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

Preist den Herrn, ihr Tiere des Meeres und alles, was sich regt im Wasser, lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

Preist den Herrn, all ihr Vögel am Himmel, lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

Preist den Herrn, all ihr Tiere, wilde und zahme, lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

                                                            Daniel 3,74-81 *

 

Wie konnten wir diesen zentralen Aspekt so völlig übersehen, wo doch Jesus selbst uns im Vater Unser, dem am meisten gesprochenen Gebet, auffordert, den Willen Gottes zu tun „wie im Himmel, also auf Erden“?

Buddhisten glauben nicht daran, dass Gott in unsere Welt gekommen ist und die Kleider und Masken dieser Welt angelegt hat; weder im Judentum, Islam, Hinduismus, Konfuzianismus, Taoismus noch sonst in einer Religion auf dieser Welt ist solcher Glaube zu finden. Die wesensgleiche Einheit von Geist und Fleisch ist die einzigartige Lehre des Christentums und die zentrale Bedeutung von Jesus, ihrem lebendigen Symbol. Wenn man an „den Christus“ glaubt, meint man genau diese fundamentale Einheit. Das ist unsere einige echte Trumpfkarte, wir aber weigern uns, sie auszuspielen. Vielleicht ist es ja zu gut, um wahr zu sein!

 

Walter Wink hat vor Jahren festgestellt, dass es im Grunde drei Weltanschauungen gibt, und als vierte schließlich die christliche kommt:

 

1.         Die materielle Weltanschauung: alles ist Materie und Körper

2.         Die spirituelle Weltanschauung: alles ist Geist und Bewusstsein

3.         Die theologische Weltanschauung: die Aufgabe von guten Menschen ist es, Geist und Materie durch Anstrengung, Moral und Ritual zusammenzubringen und somit Gott zu erfreuen und sich selbst in eine Art Heilige zu verwandeln.  

4.         Die inkarnatorische Weltanschauung: Geist und Materie sind immer und waren immer schon eins. Sie sind die zwei Seiten derselben Medaille. Nicht: Wir bringen das zustande, sondern: wir lernen, dies überall und immer zu erkennen. Das ist die Große Offenbarung und die eigentliche Bedeutung von Bekehrung und Umkehr. Und es ist die wahre und einzige christliche Überzeugung.

 

Der Klerus jeglicher Couleur bevorzugt anscheinend die dritte, die „theologische“ Weltanschauung. Das hat zur Folge, dass wir Priester und Prediger uns nützlich fühlen dürfen und sichert uns den Job. Und es führt dazu, dass die Laien nur immerzu dem Köder nachrennen, den wir ihnen ständig vor der Nase baumeln lassen. Aber, Zynismus beiseite, ich denke, dass es für die inkarnatorische Weltanschauung ein gewisses Maß an innerer Erfahrung derselben braucht. Man kann sie sich nicht einfach mit dem Verstand oder als abstrakte Lehre „aneignen“. Man sollte - zumindest in Ansätzen - eine Erfahrung des Einswerdens gemacht haben, eine Gotteserfahrung, oder - wie es oft genannt wird – eine zutiefst mystische Erfahrung. Dabei können auch mystische Naturerlebnisse oder die Liebesmystik für einen Einstieg hilfreich sein. Und sobald man diese Erfahrungen gemacht hat, kann man die Grüne Bewegung nicht länger als anti-christlich oder als nette Parallele zum Christentum ansehen. Für mich ist sie ganz unmittelbar ein Kind des Christentums! In ihr kommt die Inkarnation zur vollen Entfaltung, hat Auswirkungen und erlangt Bewusstheit. Ja, sicher sind die dort engagierten Menschen oft von Eigeninteressen geleitet, aber heißt das, dass damit alles falsch ist?

Die Heilige Schrift erzählt, dass Jahwe ganz gerne Gestalten wie Bileams Esel, Kyros, den Perser und widerwillige Propheten dazu gebraucht, Gottes heiligen Willen zu tun.

 

Gott ist so demütig und so geduldig, dass er nicht darauf wartet, bis die Menschen eine unverfälschte, vollkommene Motivation entwickeln. Man muss nicht an Gott glauben, um Gottes Willen zu tun oder Gott zu verherrlichen. 

Daniel erzählt offensichtlich davon, dass Wassertiere, Quellen und Berge das ganz gut machen – und es schon Millionen und Billionen Jahre gemacht haben bevor wir überhaupt aufgetaucht sind. Wurde Gott etwa nicht verherrlicht bis wir kamen? Hat Gott etwa nicht geliebt bis wir kamen? Wenn dem so wäre, hätte Gott mindestens 34 Billionen Jahre lang nichts zu tun gehabt.

 

Ich hoffe, dass ich dieses Thema auf der praktischen Ebene in den kommenden Monaten und Jahren weiter ausführen kann. An dieser Stelle hier möchte ich einfach das theologische Fundament legen, damit jeder es bedenken – und sich daran freuen -  kann, bevor wir weitere Schritte gehen. Es geht hier um einen bedeutenden Paradigmenwechsel für die meisten Christen der westlichen Welt und Kultur.

Hören wir auf die Weisheiten des Salomo:

 

Töricht waren von Natur alle Menschen, denen die Gotteserkenntnis fehlte. Sie hatten die Welt in ihrer Vollkommenheit vor Augen, ohne den wahrhaft Seienden erkennen zu können. Beim Anblick der Werke erkannten sie den Meister nicht… denn von der Größe und Schönheit der Geschöpfe lässt sich auf ihren Schöpfer schließen.

                                                                        Weisheit 13, 1+5

 

In anderen Worten: Materie ist die äußere Form und der Geist ist die innere Quelle von allem, was wir kennen und erkennen. Die Quantenphysiker, Astronomen und Molekularbiologen scheinen derzeit genau das gleiche zu entdecken, und kommen dabei von einem völlig anderen Ausgangspunkt her. Paulus hat das gleiche gesagt. Er kannte seine Schriften von Genesis über das Buch der Weisheit bis hin zum Propheten Daniel. Es ist an der Zeit, dass unser Glaube eben diese Weite, Tiefe und Vollkommenheit erreicht. Und vergessen wir nicht, dass Paulus nur das in Worte fasst, was Jesus bereits durch sein Tun und Dasein vorgelebt hat:

 

Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit.

                                                                        Römer 1, 20

 

 

 

Übersetzung aus dem Englischen: Heidi Lang

 

 

* Anmerkung:

Als Grundlage für die Bibelzitate habe ich die Einheitsübersetzung benutzt.

Bei Luther ist der Daniel-Abschnitt nicht vorhanden.