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„Die innere Würde“ von Richard Rohr Wie das lateinische Wort dignus scheint das englische Wort »dignity« (Würde) von einer Art »Wert« oder »Würdigkeit« zu sprechen. Sie ist ein tiefes inneres Bedürfnis, das wir wohl alle von unseren frühesten Jahren an bis zum Augenblick des Sterbens fühlen. Wir suchen danach durch menschliche Berührung und Bestätigung, über Rollen, Titel, Leistungen sowie durch Kompetenz und Wissen. Ja, wir suchen sogar die Gewissheit einer transzendenten und alles überdauernden Würde in der Religion und bei Gott. Wir projezieren Würde auf Gegenstände, Länder, andere Menschen, Religionen, Ämter und Institutionen. Sie erweckt in uns eine Loyalität und Bewunderung, selbst wenn diese Würde ein Produkt unserer eigenen Idealisierung oder Vorstellung sein mag. Der Gegenstand als solcher kann objektiv würdig oder unwürdig sein. Wenn wir ihn aber als würdig erachten, kann er in uns eine sehr großzügige und opferbereite Haltung hervorrufen. Wenn Großvater in unseren Augen Würde zeigt, dann wird sein Leben in uns etwas wecken, das uns »würdiger« macht. Wenn wir zu dem Urteil kommen, dass er keine Würde ausstrahlt, werden wir Mitleid, Zynismus oder Geringschätzung für ihn empfinden. Mit anderen Worten: Würde ist beinahe zur Gänze ein »beweglicher Feiertag«, ein Konstrukt unserer eigenen Gedankenwelt und unseres eigenen Herzens geworden - im Guten wie im Schlechten. Objektiv wahr muss sie nicht sein. Warum aber scheint die
Suche für die meisten Menschen endlos und oft unbefriedigend? Warum haben
so wenig Menschen das Gefühl, dass sie sich anhaltender und echter Würde
erfreuen können? Warum suchen wir in einer Art und Weise und an Orten
danach, die in sich selbst schon sehr instabil sind? Ruhm, der noch mehr
Ruhm braucht, damit man daran glauben kann? Geld, das noch mehr Geld
werden muss, damit wir zufrieden sind -
und es dann doch nicht sein können? Bewunderung, die ständig immer noch
mehr Bestätigung braucht? Macht, die nur nach weiteren Formen der Macht
giert? Karriere, Rollen, Titel, die uns am Abend zu Hause trotzdem nur
einsam zweifeln lassen? Selbst wunderbare sexuelle Intimität, die nachher
nur das Gefühl der Einsamkeit, der Getrenntheit und Unwürdigkeit vergrößert,
weil sie nicht aufrechterhalten werden kann? Woher kommt das alles? Sucht wurde damit definiert, dass »man immer mehr von dem will, was nicht funktioniert«. In diesem Sinne sind wir wahrlich eine süchtige Gesellschaft, denn wir haben keine solide Quelle, keine solide Basis für unsere Würde gefunden. Ständig suchen wir außerhalb von uns danach. Deshalb muss sie an sich »rar« sein, da ja die Quelle wegfallen kann. »Ich« bin ja »nicht genug« und »es«, was immer das ist, ist nie ausreichend vorhanden. Deshalb lautet die Frage natürlich, wie können wir zu einem inneren Gefühl von Selbstwert und Reichtum gelangen? Wie können wir zu einem Selbstwert kommen, der gehaltvoll, in uns verankert, der unaufhaltsam ist und nicht zerstört werden kann? Ich habe den Verdacht, dass das ständige Wiederauftauchen von Begriffen wie adelig, königlich, die göttlichen Rechte der Könige, die Sagen über göttliche Abstammung immer Wege waren, um irgendeine Art von innerem Selbstwert zu bekräftigen. Die Kirche machte es ebenso mit der Schaffung des Begriffs der Kleriker (»die Abgesonderten«) und der apostolischen Nachfolge. Wahrscheinlich war dies unvermeidbar und hatte nicht nur schlechte Seiten. Adel und Priesterklasse - etwas, das so allgegenwärtig in jeder Kultur zu finden ist - befriedigt sicher ein sehr tief sitzendes archetypisches Bedürfnis. Nicht nur die, die weiter oben in der Gesellschaft standen, wollten ihren Stammbaum rein erhalten, sondern auch die niedrig Gestellten schienen eine Art von »objektiver« Würde zu brauchen, zu der sie aufschauen konnten. Ob dies nun den Tatsachen entsprach oder nicht. Der Begriff der Nobilität oder der inneren Würde diente als eine Art »Anreiz«, der ungehobelte Menschen und Spießbürger in Rivalität zueinander setzte und sie zu Imitation und zu verschiedenen Formen von Aufsteigerbestrebungen anspornte (nach Rene Girard). Adel und Kleriker mögen soziale Konstrukte sein. Sie haben aber sicher auch vieles in der Geschichte bewegt - zu einer Idealisierung der Sitten, der Bildung und zu vielen Formen der Spiritualität und der Kultur hin. (Ihre negativen Auswirkungen will ich hier zunächst übergehen.) Jede Kultur scheint ihre eigenen Zeichen der Würde zu achten. Einmal besuchte ich einen Stamm in Afrika, wo es für einen Mann unwürdig war, auf dem Boden zu sitzen. Deshalb trug jeder Mann einen kleinen geschnitzten Stuhl mit sich herum. Er war für ihn so wichtig wie Nahrung und Kleidung. In Amerika denkt man, dass Erfolg jemandem Würde bringt. In der Schweiz meint man, dass Ordnung und Reinlichkeit jemanden würdevoll erscheinen lässt. In Japan erlangt man durch Einhaltung von Ritualen und Zurückhaltung Würde. Wer hat Recht? Aber die zentrale Frage haben wir noch nicht gestellt. Gibt es eine objektive Würde, eine fundierte Würde, eine unzerstörbare innere Quelle von Reichtum, die weder gegeben noch weggenommen werden kann? Und wenn dies so ist, wer hat sie dann? Und wer kann sie verleihen? Als Franziskanerpriester und als Christ glaube ich natürlich, dass die Offenbarungsschriften, die wir Bibel nennen, eine objektive und dein Menschen innewohnende Würde anbieten und verkünden. Trotzdem glaube ich auch, dass der größte Teil der christlichen Geschichte, der katholischen wie der protestantischen, diese nicht sehr gut lehren konnte. Noch weniger hat sie den Menschen praktische Anleitungen an die Hand gegeben, um diese Würde oder diese Wertschätzung an sich selbst zu erfahren. Soweit sie überhaupt gelehrt wurde, blieb sie doch zum Großteil ein äußerer Glaube und wurde nicht zum inneren Erlebnis. Unser westliches Denken war im Allgemeinen zu dualistisch, um einen Zugang zur uns innewohnenden Würde oder Wertschätzung zu bekommen. Immer konnte unser Kopf Gründe finden, die dagegen sprachen! Die erste Grundlage für diese inhärente Würde finden wir zu Beginn des 1. Buches Mose, wo es heißt, dass die Menschen tatsächlich »zum Bilde Gottes« geschaffen worden sind (1.Mose 1,27)! Würden wir dies wirklich glauben können, so pflege ich immer zu sagen, könnten wir den meisten Menschen 10.000 Dollar an Therapiekosten ersparen! Somit fängt die jüdischchristliche Tradition mit einem äußerst positiven Fundament an. Wir könnten es »Ursegen« nennen. Dieser wurde aber nur selten von der späteren christlichen Tradition ernst genommen. Das war einfach zu viel, um geglaubt zu werden. Zu gut, um wahr zu sein. Die »gelenkte« Religion, die irgendwie unter ihren Anhängern eine Abhängigkeit schaffen musste (eine »erlernte Hilflosigkeit«), zog es lieber vor, stattdessen die »Ursünde« zu betonen. Diese hielt uns vereint, ließ uns aber machtlos in unserer Minderwertigkeit - statt uns durch Würde mächtig und vereint zu machen. Dies ist unsere einzig wirkliche Zukunft. Stattdessen wurden die negativen Auswirkungen von immensen Selbstzweifeln, von Schuld und Scham die Grundlagen der westlichen Gesellschaft, selbst bis in unsere Tage hinein. Wie lautet nun die biblische Antwort auf diese tiefen Selbstzweifel und den Mangel an Selbstvertrauen (Mangel an Würde) und sogar auf den Selbsthass, den wir überall erleben? - Nun hoffe ich, dass Sie dies nicht als die natürlich vorhersagbare priesterliche Antwort abtun. Ich muss es trotzdem sagen: Es ist das objektive und universale Geschenk dessen, was wir den Heiligen Geist nennen. Es beginnt mit dem zweiten Vers der Bibel, wo Gottes Geist über dem Chaos schwebt (1.Mose 1,2). Lassen Sie mich das erklären. Später spricht der Text von »einem Wort, das in deinem Munde und in deinem Herzen ist« (5.Mose 30,14). Auch von dem Versprechen eines »Gesetzes, das er uns ins Herz schreiben will« (Jeremia 31,33). Ganz sicher verstehen wir somit schrittweise, dass Gott die Kluft zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen überwinden will - und zwar voll und ganz von Gottes Seite her. Dies manifestiert sich in ganzer Fülle bei der Ausgießung des Heiligen Geistes (Apostelgeschichte 2,1-13). Danach hören wir immer wieder in allen Briefen des Paulus, besonders aber in Römer 8, von einem Geist, der in uns wohnt, einem inneren Geschenk, einem Versprechen, einer Gegenwart, einer Sicherheit, einem konstanten Zeugen - kurzum einem wahren Geschenk, das nichts mit Bewertung, mit Errungenschaften oder Leistung zu tun hat. Die christlichen Schriften versichern uns, dass wir nicht »als Waisen zurückgelassen« werden, sondern dass der menschlichen Seele ein innerer »Tröster, Helfer, ein als Beistand zugezogener Anwalt« (parakletos) gegeben worden ist, um sie an ihre göttliche Identität zu »erinnern« (Johannes 14,26). »Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind« (Römer 8,16). Ohne dies nun in einen theologischen Kommentar ausweiten zu wollen, möchte ich zum Ausdruck bringen, dass diese biblische Lehre - die auch eine tiefe und universale spirituelle Intuition ist - die einzig hoffnungsvolle und gehaltvolle Antwort auf das menschliche Bedürfnis nach innerer Würde ist. Diese Würde hat überhaupt nichts mit Klasse, Geld, Macht, Bildung, Hautfarbe, Religion oder irgendeiner erworbenen Wertschätzung zu tun. Es ist eine Würde, die nicht von außen an das Selbst herangetragen wird, die nicht von einer Kultur, einer Bildung, ja nicht einmal von einer Religion abhängig ist (da werden mir manche widersprechen wollen!). Ich glaube, diese göttliche Natur wohnt in uns (2. Petrus 1,4), sie ist fundamental, universal und vollkommen geschenkt. Das ist tatsächlich eine sehr gute Nachricht. Sowohl der Katholizismus wie auch der Protestantismus machten, jeder auf seine Art, dieses Geschenk des Heiligen Geistes immer noch von einer bestimmten Art von Leistungsprinzip abhängig, selbst wenn dieses Leistungsprinzip zum »Glauben« an sich wurde, wie wir es bei Martin Luther sehen. Ein völlig freies Geschenk ist für das menschliche Ego einfach zu demütigend, um akzeptiert zu werden. Man wollte nicht erkennen, dass dieses der menschlichen Natur innewohnt, den Geschöpfen, deren DNS ganz klar göttlich ist, die alle ohne Ausnahme von Gott erschaffen worden sind, wie es uns der Schöpfungsbericht klarmacht. Ich glaube, dass dies im ersten Pfingstbericht beschrieben ist, wie er uns in Apostelgeschichte 2 erzählt wird. Als Christ, der ich mich sowohl der biblischen Offenbarung als auch einem inneren kontemplativen Leben verschrieben habe, glaube ich, dass tiefe Gotteserfahrung immer noch die solideste Basis für das Gefühl einer eigenen in uns wohnenden, fundamentalen und gehaltvollen Würde ist. - Dies wird gleichzeitig auch zu einer Offenbarung der Würde eines jeden anderen Menschen! Das ist ihr Wunder und ihre Echtheit! Wenn ich diese Würde in mir selbst finde, dann sehe ich dasselbe Geschenk automatisch auch in jedem anderen, denn diese Würde hat nichts mit irgendeiner Leistung zu tun. Sie hat nichts mit meinen privaten oder persönlichen Verdiensten zu tun. Deshalb ist sie so stabil, so fundamental und so heilend. Diese Würde kann nur geschenkt werden und wird zum christlichen Begriff der Gnade. Sie ist entweder überall oder nirgends. Diese Würde wohnt der Schöpfung inne und kann nicht durch irgendein mentales Konstrukt, durch eine kulturelle Agenda, noch durch moralische oder religiöse Praktiken ausgeteilt werden. Aber ich möchte hier betonen, dass dies ein »kontemplatives Wissen« ist (ein Wissen des nicht-dualistischen Denkens). Das ist vielleicht der Grund, warum wir so lange brauchen, bis wir diese innere und heilige Würde erkennen. Das dualistische Denken, das sowohl von der Religion als auch von der Kultur bevorzugt wird, wird die Welt immer in Würdige und Unwürdige aufteilen. Jene, die im Geiste Jesu denken, werden dies ganz anders sehen. Er sagt: » Gott lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und die Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte« (Matthäus 5,45). Wahre christliche Heiligkeit und menschliche Ganzheit bringt genau diese Freiheit mit sich, eine Würde zu sehen, in sich zu tragen und zu ehren, die dem Menschen innewohnt, die unverdient und universal ist. In diesem Sinne haben das Christentum und unsere Kultur noch nicht viel begriffen, denn ihr Sehen richtete sich beinahe ausschließlich nach äußerlichen, erarbeiteten und ausgrenzenden Werten. Unsere Zeit ist reif und braucht dringend die volle Wahrnehmung, wenn die Menschheit und wenn unser Planet überleben sollen. Richard Rohr ist US-amerikanischer Franziskanerpater, Prediger und Autor spiritueller Bücher. Übertragung ins Deutsche: Sabine Trauernicht
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