|
|
Zurück zur Übersicht | |||
|
I Die konsistente Ethik des
Lebens: Ein Gewand ohne Nähte Von Fr. Richard Rohr, OFM Richard Rohr
und das Center for Action and Contemplation erhalten häufig Anfragen zum
Thema Abtreibung. Als Befürworter einer „konsistenten und konsequenten
Ethik des Lebens“ (s. Anm. 1) sind Richard Rohr und das CAC
bestrebt, die Integrität und Heiligkeit allen Lebens hoch zu halten. Ich bin ein starker Befürworter der konsistenten Ethik des Lebens, seit ich sie in den 70er Jahren von Erzbischof Bernardin persönlich kennen gelernt habe. Er war überzeugt davon, dass wir keine fundierte Grundlage dafür haben, aus dem Schutz des Lebens einen moralischen Standpunkt zu machen, wenn wir Leben nicht in all seinen Formen schützen – vom Mutterleib bis zum Grab. Diese auf dem Evangelium basierende Haltung nennen wir „das aus einem Stück genähte, oder nahtlose, Gewand“. Es ist unrecht, Leben zu zerstören – das gilt für den Mutterleib und im gleichen Maße für das, was danach kommt: Todesstrafe, Euthanasie, Krieg und all die Umstände, wo auswegslose Armut und Gesundheitsvorsorge zum vorzeitigen Tod führen. Und schließlich würde ein wahrhaft spiritueller Mensch in letzter und absoluter Konsequenz auch nicht-menschliches Leben und die Erde als solche schützen. Wenn man das Leben liebt, liebt man alles Leben, oder wie ich es gerne ausdrücke: „How you do anything is how you do everything.“ (Wörtlich: Wie du irgendetwas tust, so wirst du auch alles andere tun. S. Anm. 2) Für viele Nicht-Katholiken hat es oft den Anschein, als würden wir uns ausschließlich um das Leben vor der Geburt kümmern. Wenn die Menschen dann auf die Welt gekommen sind, lehren oder praktizieren wir solche Dinge wie Gerechtigkeit, Heilung, Friedenstiften, die Suche nach alternativem Leben etc. nur halbherzig. Wenn jede katholische Gemeinde Angebote für alleinerziehende Mütter und für von Armut betroffene Frauen hätte, wenn wir einiges mehr tun würden, um Adoption und andere Alternativen zur Abtreibung zu unterstützen und dazu zu ermutigen, dann hätten wir einen etwas solideren Grund für unsere moralischen Standpunkte. Katholiken hält man gewöhnlich für Leute, die Imperialismus, Gier, Kriegführung, soziale Ungerechtigkeit und Rassismus in Ordnung finden, und sich damit nicht von anderen unterscheiden. Offen gesagt hat unsere Konzentration auf dieses eine Thema verhindert, dass wir mit Jesu Augen sehen oder die Welt zur Liebe Jesu hinführen. Wir geben vor, ein „katholisches“ (d.h. allumfassendes, allgemeines) Volk zu sein, während man uns im Allgemeinen für ethnisch voreingenommen oder nationalistisch eingestellt hält. Nun gibt es aber überhaupt keinen Anhaltspunkt dafür, dass Jesus der Meinung war, Regierungen und Gerichte müssten unsere moralischen Aufgaben übernehmen. Er ging davon aus, dass sein „Leib“ die Arbeit hin zu einer Veränderung der Moral selbst erbringt und damit zum „Sauerteig“ wird, der die Gesellschaft verwandeln kann. Das ist unsere Aufgabe, und zwar nicht mit Hilfe der herrschenden Staatsgewalt, sondern indem wir selbst besser werden; durch Argumente, Lebensstil, Überzeugung und ebenso durch Konsistenz und Konsequenz. Wenn wir das Leben in bestimmten Zusammenhängen lieben und es an anderer Stelle so offensichtlich missachten, dann nimmt uns niemand mehr unsere Moral ab! Und die kann man im Grunde ja auch nicht als echte Moral bezeichnen. Jesus ist darin weder sichtbar, noch spürbar, sondern es geht lediglich um moralische Stellungskämpfe, ausgetragen allzu oft von zölibatär lebenden Männern, die selbst dabei nichts riskieren oder verändern müssen. Man fragt sich, ob Jesus ähnliche Vorgänge im Blick hatte, als er zu den Schriftgelehrten seiner Zeit sagte: „Ihr ladet unerträgliche Lasten auf andere Menschen, Lasten, die zu tragen ihr selbst nicht mal einen Finger rührt.“ (Lk, 11, 46). Ich möchte Ihnen erklären, warum ich und das CAC üblicherweise nicht auf der Pro-Life-Schiene mit fahren. Offen gesagt deshalb, weil die meisten ihrer Anhänger eben nicht konsequent und konsistent für das Leben sind, sondern auf manchen Ebenen sogar lebensfeindlich daherkommen. Ich hoffe, dass diese Gedanken für Sie hilfreich sind und Sie gleichzeitig ermutigt werden, absolut und im wahrsten Sinne des Wortes Pro-Life, also für das Leben, zu sein – vom kostbaren Mutterleib bis zum kostbaren Grab. Aber ich warne Sie auch, denn nun wird Ihnen keiner mehr trauen! Wie Jesus werden Sie möglicherweise keinen Ort mehr finden, wo Sie Ihr Haupt hinlegen können und „alle Welt wird dich hassen um meines Namens willen“ (Lk 21, 18). Linke wie Rechte werden Sie als Außenseiter betrachten, ja sogar als Sünder, weil Sie nun einstehen für den Ganzen Christus, und der ist in jedem Fall zu groß für jeden von uns. Wie die Soldaten am Fuße des Kreuzes wird man Lose werfen, um das wundervolle nahtlose Gewand zu zertrennen und unter sich aufzuteilen. (Joh. 19, 23-24). Alles Gute und Frieden, Richard Rohr, OFM Anmerkung 1: Die „konsistente Ethik des Lebens“ ist auch im deutschen Sprachraum ein Fachbegriff in der Philosophie und Theologie. „Konsistent“ in diesem Zusammenhang kann man auch mit „konsequent“ oder „widerspruchsfrei“ übersetzen. Zum besseren Verständnis habe ich die Begriffe zum Teil auch zusammen verwendet. Anmerkung 2: Man kann diesem knappen und zugleich vielschichtigen Wortspiel im Englischen in der Übersetzung nur bedingt gerecht werden. Ein inhaltlich ähnlicher Gedanke klingt in der deutschen Redewendung an: „Es kommt nicht darauf an, was du tust, sondern wie du etwas tust.“
|
||||