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Geheimnis und Vielfalt

 

Ich glaube an das Mysterium, das Geheimnis und die Vielfältigkeit. Für viele Gläubige mag das fast schon heidnisch klingen. Für mich nicht. Ich glaube daran, weil ich Erfahrungen mit einem liebenden und unendlich schöpferischen Gott gemacht habe. Ich habe das Privileg, rund um den Globus predigen und lehren zu können, und ringe gleichzeitig beständig darum, diese Erfahrungen in meiner eigenen kleinen Welt umzusetzen.

Der Weg meines Lebens hat mich gelehrt, das Mysterium zu lieben – und hat mich von dem Drang befreit, es zu verändern oder zu entmystifizieren. Durch meinen Glauben habe ich mich mit der Vieldeutigkeit aller Dinge ausgesöhnt – „Andeutungen und Vermutungen“, so würde T.S. Eliot wohl dazu sagen. Allerdings kommen nun viele Gläubige, die ich kenne, nicht mehr mit mir klar, denn sie scheinen eher eine Vorliebe zu haben für Sicherheit, Ordnung und Erklärung in jeglicher Hinsicht.

Die Fastenzeit verbringe ich oft in einer Einsiedelei. Dort lebe ich die ganzen 40 Tage abgeschieden und allein. Und je länger ich dort allein bin mit dem Gott, der im wahrsten Sinne allein ist, desto leichter fällt es mir, die Ambivalenz, die fröhlichen Widersprüche, die scheinbaren Ungereimtheiten in mir selbst, ja in fast allen Dingen und sogar in Gott anzunehmen. Ich habe keine Angst mehr vor dem Paradoxen.

Als junger Mensch konnte ich solche Zweideutigkeit überhaupt nicht aushalten. Ausgerechnet durch mein Studium wurde das Verlangen nach Antworten und Erklärungen so richtig geweckt. Ich wollte wissen; und oft wusste ich tatsächlich, zumindest glaubte ich es. Nun bin ich 63 Jahre alt und sehe die Dinge ganz anders.

Ich habe oft genug Häftlinge begleitet, oft genug mit Menschen gearbeitet, deren Ehe gescheitert ist, oft genug habe ich ökologische Programme mitverfolgt. Und oft genug wurde ich mit meinem eigenen Dilemma konfrontiert und habe erlebt, wie ich trotz meines Versagens ganz ohne eigenen Verdienst grundlos geliebt wurde. Und so komme ich zu der Überzeugung: diese Welt basiert nicht auf einem System von Leistung und Gegenleistung.

Immer wenn ich meine, es gibt doch ein perfektes Schema, dann findet sich im Verlauf der  Nachforschungen doch bald wieder eine Ausnahme. Immer, wenn ich „nur“ oder „immer“ sagen will, kommt unweigerlich jemand oder etwas dazwischen, das mich Lügen straft. Ich muss einfach nur warten und zuhören.

Merkwürdig, aber es sind ausgerechnet die Naturwissenschaftler unter meinen Freunden, die mit dem „Prinzip der Ungewissheit“ und schwarzen Löchern daherkommen und bereit sind, mit Hypothesen und Theorien zu leben – bis die Wirklichkeit wieder ein klein wenig mehr von sich zeigt. Es sind doch wir religiösen Menschen, die darauf bestehen, immergültige Antworten zu haben. Wir religiöse Menschen lieben das Abgeschlossene, die Lösung und die Klarheit, und dabei behaupten wir tatsächlich immer noch, Menschen des „Glaubens“ zu sein!

Verrückt eigentlich, dass der Begriff „Glaube“ von seiner Bedeutung her ins Gegenteil verkehrt wurde.

Menschen, die Berührung mit dem Heiligen hatten, sind stets demütig. Das behaupte ich kategorisch. Menschen, die nicht wissen, tun meistens so als ob. Menschen dagegen, die eine echte spirituelle Erfahrung gemacht haben, sind sich immer bewusst, dass sie nicht wissen. Sie stehen zutiefst gedemütigt vor dem Mysterium, voller Ehrfurcht angesichts der unendlichen Weite, staunend über die Ewigkeit und Tiefe, und über eine Liebe, die über den Verstand hinaus geht. Es ist so etwas wie ein Lackmus-Test für echte Gotteserfahrung, und dabei leider kaum vorhanden in unserem Reden über Religion und Glaube.

Ich glaube und vertraue dieser Tiefe des Mysteriums – sie zu suchen sollte das Ziel aller Religion sein. Einer, der diese Tiefe erfahren hat, kennt Gott und eine, die etwas von Gott erfahren hat, kennt diese Tiefen.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Heidi Lang